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Hallo, ich bin Jim Leaviss von M&G, einer der „Bond Vigilantes“. Ich bin hier in Tokio zur Jahrestagung von IWF und Weltbank. Ich sitze gerade in der Gartenanlage des Kaiserpalasts in Tokio. Auf dem Höhepunkt der japanischen Immobilienblase hieß es, diese Gärten seien mehr wert als sämtliche Immobilien in ganz Kalifornien. Die Zeiten sind natürlich längst vorbei. Japan befindet sich seit Jahrzehnten in einer Periode des langsamen, stagnierenden und sogar rückläufigen Wachstums. Es ist fast schon zum Klischee geworden, bei Diskussionen über die Lage des Westens die Frage zu stellen, ob wir japanische Verhältnisse bekommen. Über genau dieses Thema möchte ich während meines Aufenthalts hier vor Ort nachdenken. Ein weiteres Thema, das bei der Jahrestagung von IWF und Weltbank sehr stark im Vordergrund steht, ist der Gedanke, dass fiskalpolitische Multiplikatoren wirklich wichtig sind. Dazu hat sich Aktienfondsmanager Martin Walker unter anderem geäußert. Er meint, dass wir uns vielleicht bei Japan entschuldigen müssten. Die Art und Weise, wie Japan mit seiner Wirtschaftskrise umgegangen ist, wurde vielfach kritisiert, wobei wir im Westen die Dinge natürlich vollkommen anders gemacht hätten. Dabei gibt es inzwischen neue Erkenntnisse zum Thema fiskalpolitischer Multiplikatoren sowie den Problemen, die man bei einer Rezession zu bewältigen hat. Diese deuten darauf hin, dass die Infrastrukturausgaben, nach denen Japan in den letzten beiden Jahrzehnten geradezu süchtig war, tatsächlich ein effizienter Weg sein könnten, mit der Problematik umzugehen – vielleicht geht es gar nicht besser. Was sind also fiskalpolitische Multiplikatoren? Es hat eben nicht jede fiskalpolitische Maßnahme dieselben Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum. Manche Maßnahmen, die Geld in verschiedene Bereiche der Volkswirtschaft pumpen, können für das Gesamtwachstum vorteilhafter sein als andere. Eine Regierung muss sich immer überlegen, ob man die Steuern senkt, in die Infrastruktur investiert, usw. Eine der wichtigsten Fragen weltweit geht aktuell in die Richtung: Wenn man sparen muss, wenn man sein Haushaltsdefizit abbauen muss (wobei alle westlichen Staaten vor dieser Aufgabe stehen), wie lässt sich das bewerkstelligen, ohne eine negative Spirale auszulösen? Greift man zu Steuererhöhungen, werden am Ende womöglich insgesamt weniger Steuern eingenommen, da sich das Wirtschaftswachstum deutlich verlangsamt. Olivier Blanchard, Chefvolkswirt des IWF, hat diese Woche einige interessante Dinge hierzu gesagt. Ich möchte gerne ein Zitat für Sie herausgreifen: „Naheliegend ist die Frage, ob die negativen kurzfristigen Auswirkungen von von fiskalpolitischen Einschnitten gravierender als erwartet gewesen sind, weil die fiskalpolitischen Multiplikatoren unterschätzt werden.“ Die IWF-Abhandlung lässt im Grunde darauf schließen, dass die fiskalpolitischen Multiplikatoren anders aussehen, als bisher vom IWF angenommen. Statt der Annahme, dass ein Pfund an Einsparungen einen Rückgang des BIP um ein halbes Pfund verursacht, geht man jetzt davon aus, dass die Einbußen für das BIP für jedes Pfund, das eingespart wird, anderthalbmal so hoch liegen. Hinsichtlich der volkswirtschaftlichen Auswirkungen ist der Unterschied erheblich: Wenn wir also zum Beispiel nächstes Jahr in den USA die Fiskalklippe erreichen und das BIP dortzulande automatisch im Januar um 4 % schrumpft, würde ein Multiplikator von 1,5 einen möglichen Rückgang des BIP 2013 in den USA um bis zu 6 % bedeuten. Das wäre ein schwerwiegendes Ereignis und vergleichbar mit einer großen Depression. Ich stehe vor dem alten Gebäude der Bank of Japan. Japan ist wohl nicht nur in finanzpolitischer Hinsicht der westlichen Welt voraus gewesen. Man hat hier auch sehr früh die die quantitative Lockerung entdeckt, die entsprechenden Maßnahmen dauern aktuell noch an. Hierzulande spricht man von der kontinuierlichen Lockerung: Geld wird gedruckt, um vornehmlich Staatsanleihen und Schatzanweisungen aufzukaufen. Es geht außerdem teilweise um den Ankauf von Risikoaktiva im Privatsektor, einschließlich ETFs und anderer Instrumente. Das Ziel ist dabei, die am VPI gemessene Inflation in den positiven Bereich zu bringen. Hier hat sich Japan in den Jahren ziemlich schwer getan. Inzwischen besteht aber das eigentliche Problem darin, dass der Yen viel zu stark ist. Alle Maßnahmen zur Abschwächung der Währung sind bislang fehlgeschlagen. Interventionsversuche sind eher die Ausnahme gewesen, aber jetzt wird davon gesprochen, dass Japan mit dem Ankauf ausländischer Staatsanleihen beginnen könnte. Es soll also eine quantitative Lockerung in der Währung eines anderen Landes betrieben werden, was recht ungewöhnlich ist und einer Art Anleihenkrieg gleichkommt: Man kauft ausländische Anleihen, um die eigene Währung zu drücken. In den Jahren 2000 bis 2010 hatte Japan im Vergleich zu den USA und der Eurozone die niedrigste Wachstumsrate: nur 0,5 %, gegenüber 1,8 % in den Vereinigten Staaten und 1,3 % in der Eurozone. Doch wenn man sich das Wachstum pro Kopf ansieht, liegt Japan gleichauf mit den anderen. Setzt man das Wachstum in Beziehung zur Bevölkerung im Erwerbsalter, hat das Land sogar das mit Abstand höchste Wachstum der drei Wirtschaftsräume erzielt. Es ist also eher ein Mythos, dass Japan eine verschlafene, unproduktive Weltregion darstellt, in der das Wachstum seit vielen Jahren stillsteht. In Wirklichkeit ist das Problem eher die demografische Struktur und die Anzahl an Rentnern, die von den Erwerbstätigen finanziert werden müssen. Dabei ist zu bedenken, dass wir in der westlichen Welt bei der aktuellen Entwicklung im Hinblick auf die alternde Bevölkerung wahrscheinlich ähnliche Trend erleben werden mit insgesamt niedrigeren Wachstumsraten unserer Volkswirtschaften. Bei meinen vergangenen Japan-Besuchen waren die Menschen recht skeptisch, ob die Inflation tatsächlich so niedrig ist. Sie haben mir immer gesagt, dass Unternehmen dadurch Preiserhöhungen vornehmen, dass sie bei einem Produkt wie z. B. einem Becher Nudeln heimlich die Packungsgröße verkleinern, um somit unbemerkt an der Preisschraube zu drehen. Kommt doch auch in Großbritannien vor, oder nicht? Wir hatten vor kurzem einen Blogbeitrag zum Thema Kartoffelsnacks der Marke „Monster Munch“ gebracht und die kleiner werdenden Packungen angesprochen. Bei „Quality Street“-Pralinen passiert nun in der Vorweihnachtszeit dasselbe. Meiner Meinung nach ist die Verkleinerung der Packungsgröße bei unverändertem Preis eine recht verzweifelte Maßnahme, die mehr damit zu tun hat, dass man dem unter Druck stehenden Verbraucher keine Preiserhöhung zumuten will, als mit dem Versuch, still und heimlich die Gewinnmarge zu erhöhen. Vermutlich stecken u. a. erhöhte Rohstoffpreise dahinter, wobei die Unternehmen genau wissen, dass sie diese nicht weitergeben können. Von daher handelt es sich nicht unbedingt um ein Anzeichen für Inflation, sondern vielleicht eher um ein deflationäres Signal. Schaut man sich die japanische Geschichte an, gibt es Episoden, die durchaus heute noch relevant sind. Im 19. Jahrhundert z. B., in der späten Edo-Periode unter den Shogun, war das Land aufgrund von überhöhten Ausgaben und einer enormen Steigerung der Militärausgaben in erhebliche finanzpolitische Schwierigkeiten geraten. Darauf reagierten die Herrscher von 1818 bis fast 1840 mit einer faktischen Entwertung der Währung, indem man den Gold- und Silberanteil in den Münzen verringerte und die Anzahl der Münzen im Umlauf um etwa 6 % erhöhte. Im Jahr 1850 folgte eine große Entwertung und dann schlug die Inflation durch, sodass die Shogun-Herrschaft 1868 im Chaos versank. Es kam zum Währungszusammenbruch, was wohl 1871 zur Einführung des Goldstandards und und anschließend zur Schaffung des Yen und der Bank of Japan führte. Es handelt sich somit um ein Beispiel für eine Art quantitative Lockerung, die durch die Schaffung von Inflation ganz schön schief ging. Im späteren Verlauf der IWF-Tagung habe ich mir einen Vortrag von Olivier Blanchard angehört, dem Chefvolkswirt des IWF. Eines seiner wichtigsten Beispiele war die Frage, was geschieht, wenn man in einer Welt ohne Wirtschaftswachstum eine Haushaltskonsolidierung betreibt. Er nannte hierzu das Beispiel von Großbritannien nach dem Ersten Weltkrieg. Bekanntlich stritten sich Churchill und Keynes immer wieder über die richtige Vorgehensweise. Großbritannien startete in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg mit einer Verschuldung im Verhältnis zum BIP von 120%, gegenüber 40% zuvor. Man versuchte, dieses Verhältnis dramatisch zu reduzieren, indem das Ungleichgewicht jedes Jahr verringert wurde. Leider ging das reale BIP Jahr für Jahr zurück, sodass das Verhältnis der Verschuldung zum BIP von 120% auf 200% anstieg. Dies ist nach Ansicht Blanchards ein Beispiel dafür, dass sich Sparmaßnahmen in Großbritannien extrem negativ ausgewirkt hatten. Auf die heutige Situation übertragen glaubt Blanchard, dass die durchschnittliche Haushaltskonsolidierung in der westlichen Welt in Prozent des BIP etwa 1 % pro Jahr beträgt, was angesichts eines Multiplikators von anderthalb bedeutet, dass die diversen Sparprogramme in den nächsten Jahren zu BIP-Einbußen in in Höhe von 1,5 % führen werden. Die oft angeführten Beispiele für einen Sparkurs als Antwort auf eine Staatsschuldenkrise sind Schweden und Kanada. Beide Länder hatten enorme Schuldenprobleme, konnten jedoch ihre Verschuldung durch Sparprogramme, so wird jedenfalls oft behauptet, in den Griff bekommen und sogar ein Wachstum erzielen. Doch wer diese Beispiele etwas genauer studiert, stellt leider fest, dass beide Länder etwas gemeinsam haben: Sie sind nämlich starke Exportnationen. Daher waren Exporte der größte Wachstumstreiber für die Wirtschaft, zumal wachstumsstarke Regionen in nächster Nähe lagen. Im Falle Kanadas lief damals in den USA die Konjunktur auf vollen Touren, so konnte Kanada trotz Sparprogramms aufgrund der Exportleistung ein beachtliches Wachstum erzielen. Schweden wiederum exportierte in eine stark wachsende Europäische Europäische Union. Wenn allerdings die ganze Welt gleichzeitig spart und mit deutlich unterdurchschnittlichen Wachstumsraten zu kämpfen hat und man sich in einer Region wie beispielsweise der Eurozone befindet, in der außer Deutschland keine ausgesprochene Exportnationen vorhanden sind – viele Länder, darunter auch Frankreich, haben ein Leistungsbilanzdefizit – sind Spa – sind Sparprogramme keine Lösung. Es ist fast drei Uhr morgens und ich leide gerade durch den Jetlag an einer Art Lost in Translation“-Problematik, aber gerade deshalb denke ich darüber nach, was ich von dieser Reise zur Jahrestagung von IWF und Weltbank in Tokio mitnehmen werde sowie darüber, dass von dieser Reise zur Jahrestagung von IWF und Weltbank in Tokio mitnehmen werde sowie darüber, dass es doch viele Parallelen zwischen dem gibt, was Japan vor 20 Jahren durchmachte und dem, was der Westen gerade durchmacht. Hoffen wir, dass es nicht so schlimm endet wie teilweise in Japan. Seit nunmehr zwei Jahrzehnten gab es hier nie mehr als 1 % BIP-Wachstum, doch andererseits steht die Arbeitslosenquote bei 4% mit einer Jugendarbeitslosigkeit von lediglich 8%, verglichen mit 50% in Spanien. In den USA liegt die eigentliche Arbeitslosenquote sogar bei 15%, wenn man die nicht mehr aktiv nach Arbeit Suchenden mit berücksichtigt. Bedenkt man dann noch die niedrige Kriminalitätsrate und den hohen Grad an sozialem Zusammenhalt sieht die Lage gar nicht so schlecht aus. Doch bei all dem (ich hatte ja schon von Olivier Blanchards Vortrag zum Thema fiskalpolitische Multiplikatoren erzählt) kann man sich der Tatsache nicht verschließen, dass Japan seit 20 Jahren auf Konjunkturprogramme gesetzt hat, ohne den gewünschten Erfolg erzielt zu haben. Wenn also finanzpolitische Impulse so wichtig sind und die Multiplikatoren so mächtig, wieso bleibt Japan in einer Welt des niedrigen Wachstums gefangen? Andererseits sollte man vielleicht gar kein höheres Wachstum wollen. Möglicherweise ist das Wachstum gar nicht so wichtig, wie wir immer behauptet bzw. gedacht haben. Das ist etwas, worüber ich wirklich nachdenken muss und vor allem auch darüber, dass diese Welt des Niedrigwachstums zu einer besseren Verteilung des Wohlstands an die Arbeitnehmer geführt hat, was vor dem Abschwung so nicht zu erkennen war. Wir sprachen bereits über die Tatsache, dass vor dem Konjunktureinbruch das BIP-Wachstum höher ausgefallen ist als die Haushaltseinkommen. Inzwischen haben die Arbeitnehmer ein wenig aufgeholt. Man kann nur hoffen, dass wir das auch im Westen erleben, denn der Gewinnanteil am BIP ist bei uns sehr hoch gewesen und die Einkommen der Arbeitnehmer stagnieren seit zwei Jahrzehnten. Auf jeden Fall ist Japan ein faszinierendes Land. Ich kann es wirklich nur empfehlen. Es ist zwar alles ganz anders als im Westen, andererseits hat man zunehmend den Eindruck, dass unsere wirtschaftliche Zukunft der gegenwärtigen Situation Japans ähneln könnte. So, ich bin jetzt wieder an meinen Schreibtisch in London zurückgekehrt. Das hier nur quasi als kleiner Nachtrag. Als Erstes dachte ich, möchten Sie vielleicht die Geschenke sehen, die ich dem Team mitgebracht habe. Wichtig in Japan, da die Menschen dort im Winter immer an die Gesundheit Gesundheit denken, sind Masken, um Erkältungen und die Grippe fernzuhalten. Ich will, dass auch mein Team so gesund wie möglich durch den Winter kommt, daher hoffe ich, dass sich die Kollegen und Team so gesund wie möglich durch den Winter kommt, daher hoffe ich, dass sich die Kollegen und Kolleginnen über die Mitbringsel freuen. Zweitens habe ich nach meiner Rückkehr einen Artikel in der Financial Times über die Recherchen von Olivier Blanchard entdeckt, über seine neue Einschätzung der fiskalpolitischen Multiplikatoren, die zu stark reduzierten Wachstumsraten führen könnten. Es ist eigentlich ein Beitrag von Chris Giles in der Financial Times, der die Stabilität der IWF-Daten in in Frage stellt und der insbesondere behauptet, dass wenn man die bei den Prognosen für 2010 verwendeten Daten hernimmt und sich dann die Prognosen für 2011 ansieht, die Ergebnisse im Hinblick auf die Auswirkungen von Sparprogrammen auf das Wachstum vielleicht nicht so dramatisch wären. Da stellt sich also die Frage nach der Aussagekraft der zugrundliegenden Daten, obwohl ich nicht den Eindruck habe, dass die Experten, mit denen die FT gesprochen hat (darunter Jonathan Portes vom vom National Institute of Economic and Social Research), generell der Meinung waren, dass die Ergebnisse oder die Ansicht, dass eine strengere Sparpolitik zu einem stärker als erwarteten Wachstumsrückgang führen würde, falsch sein könnten. Es wird aber doch über die Qualität der vom IWF verwendeten Daten diskutiert.